Unsere Jüngsten öffnen uns die Augen für die ungefilterte, natürlichste Authentizität. Kein Wesen auf der Welt ist ein vergleichbares Vorbild so reiner Authentizität - vorausgesetzt wir lassen sie.

Unsere Jüngsten haben einen ungetrübten Kontakt zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen - noch. Sie handeln spontan und intuitiv. Sie fühlen unmittelbar mit - und sehen ungefiltert. Sie haben ihr Herz am “rechten Fleck“: Sie haben vollen Zugang zu ihrer Neugier, zur wirklich wertfreien Achtsamkeit und zu ihrem Wunsch, zu partizipieren, beizutragen und mitzuhelfen. Die Färbung ihres Erlebens und Verhaltens durch äußere Einflüsse beschränkt sich angesichts ihres jungen Alters im Falle traumaloser Entwicklung auf ein Minimum.

Wenn mein junges Kind beim Wahrnehmen des Weinens eines anderen Kindes prompt Tränen in den Augen hat. Sich sein Nervensystem unwillkürlich auf das Leid des anderen Kindes ausrichtet. Wenn es seine Puppe liebevoll wiegt, ihr tief in die Augen blickt und mit sanft moduliertem Tonfall Fragen stellt, was die Puppe brauche. Die Puppen am Leben partizipieren und versorgt werden. Wenn es seine Wut und seine Traurigkeit ungefiltert äußert. Genauso wie seine Liebe und Zuwendung, zum Beispiel durch einen spontanen Kuss oder geschäftig aufspringt, um einem Familienmitglied oder einem Besuch den Platz herzurichten. Wenn es staunend stehen bleibt und beobachtet. Spontane Bermerkungen trifft. Dann bin ich nicht nur erstaunt, tief berührt und gerührt von diesem zutiefst ehrlichen Erleben und Verhalten, sondern ich darf in all diesen Momenten voller Hochachtung Zeuge eines der meines Erachtens hoffnungsreichsten Dinge der Menschheit sein.

Ich finde, dass wir als Erwachsene - als diejenige mit dem ausgereiften Gehirn und den ausgereiften exekutiven Funktionen (!) - die Verantwortung tragen, uns dieser Sachverhalte bewusst zu sein und den Jüngsten mit größter Wertschätzung, Behutsamkeit, Bedachtheit, Präsenz - und Fürsorglichkeit zu begegnen, denn gleichwohl macht genau diese Beschaffenheit unsere Jüngsten auch zu den verletzlichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Sie bedürfen unseres Schutzes, unserer reifen, souveränen Begleitung beim Heranwachsen.

Kein Wunder, dass sich im Grunde genommen Psychotherapie darum dreht, wieder einen Zugang zu jenen frühen Anteilen zu bekommen: Warum habe ich Angst vor meiner Wut? Warum empfinde ich das Erleben von Traurigkeit als Schwäche? Wann habe ich „mich verloren“? Warum kann ich nicht „nein“ sagen? Warum fällt es mir schwer, zu sagen, was ich will?

So schließt sich der Kreis: Als Erwachsene müssen wir uns trauen und lernen, uns wieder verletzlich zu machen. Für die Liebe, für uns Selbst, für ein gesundes Leben und Altern. Ohne Verletzlichkeit gibt es keine Authentizität, keinen Zugang zu sich selbst, zum Leben, zu anderen Menschen und Beziehungen. Ohne Verletzlichkeit keine Empathie, keine Resonanz, keine Achtsamkeit.

Diese Weisheit tragen unsere Jüngsten bereits unwillkürlich in sich.