Ich begegnete einmal einer Dozentin, die sagte, sie hielte sich die guten Tage vor Augen, indem sie dann innehalte und sich sage: „Das sind die guten Tage!“

Was für ein wunderschönes Ritual.

An Tagen, an denen wir nicht von einem miesen Infekt und/oder miesen Schmerzen getriezt werden, wenn wir einen schönen, unbeschwerten Moment haben, einen unbeschwerten Tag verleben, pflege ich dieses Ritual sehr gerne nachzumachen. 🙂

Es hilft wirklich, um rückblickend und insbesondere in schweren Zeiten auf viele schöne Tage zurückblicken zu können, die man über die Jahre hinweg gesammelt hat. Auf einmal ist da etwas, etwas Nennenswertes, eine Sammlung an guten Tagen - ein ganzes, gutes Leben.

Da man doch andernfalls in den „schlechten Tagen“ den vielen kognitiven Verzerrungen zum Opfer fallen kann, die einem weißmachen wollen, dass es noch nie besser war (Maximieren), gerade nur schlecht ist (Selektive Wahrnehmung), nie besser werden wird, weil man sich gerade hoffnungslos fühlt (emotionale Beweisführung) und ohnehin die ganze Welt schlecht und verloren ist (Globalisieren).

Verrückt, was Perspektive macht, oder?

In schweren Phasen brauchen wir nicht nur die Erinnerung an vergangenes Gutes, die Wahrnehmung unserer Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten oder einen Fokus auf die aktuellen und nächsten Schritte, sondern auch Vertrauen und Hoffnung für die Zukunft. Manchmal ist es ein nahestehender Mensch, der uns sehr gut kennt, der es vermag, uns etwas zu sagen, das uns im Nichts oder in den Untiefen von Erschöpfung etwas sehen lassen kann. Für mich vermochte das z. B. mein Mann, als er mir ein Foto einer kleinen Hand aufs Handy schickte, mit den Worten „Denk‘ an diese kleinen Hände, die du bald in deine schließen kannst, ganz real. Und wie du einen kleinen Menschen in unserem Brunnen waten sehen wirst“. Während der Pandemie, als ich schwanger unerwartet mehrfach tagelang in der Frauenklinik lag, um mich herum grelles Licht, laute Geräusche, Ärzte, die alle nicht zuständig, sich uneinig, ob der pandemischen Gesamtsituation gereizt und vorwurfsvoll waren, aufgrund des Besuchsverbots getrennt von meiner Familie und mit abnehmender geistiger Klarheit, da mein Körper aufgrund einer Präeklampsie eine Blutdruckentgleisung nach der anderen produzierte, was noch mehr stressige Untersuchungen und die eigenverantwortliche Einnahme von noch mehr Medikamenten zu jeder Tages- und Nacht(!)Zeit zur Folge hatte, deren Höchstdosis bald erschöpft war, was meinen Körper nicht interessierte, und das auf einen allein schon ausreichend belastenden Zustand einer Schwangerschaft oben drauf. Da hatte er diese Schlüsselworte für mich, als ich mich in einem Zustand jenseits meiner Grenzen befand.

Manchmal gibt es aber auch Momente und Phasen, in denen ist niemand da, der diese Schlüsselworte schenken oder finden kann. Dann schenkt der Glauben vielen Menschen Kraft. An göttliche Mächte oder kosmische Energien, an Fügungen, an Menschen, an Bestimmung, an Sinn, an Frieden, an den natürlichen Lauf der Dinge, an den eigenen Atem, den Puls eines Menschen, an zyklische Abläufe, an Naturgesetze, Wissenschaft, Menschen- oder Maschinenkraft und Regelmäßigkeiten. Sie alle können uns in Stunden der Not Halt geben. Manchmal gesellen sie sich ganz unerwartet zu uns. Lassen uns verbunden fühlen und Vertrauen und Hoffnung schöpfen.

“Es geht weiter“ ist eine Weisheit, die einem vielerorts begegnet, wo Menschen Lebenserfahrung gesammelt oder Grenzerfahrungen gemacht haben. Es ist die schlussfolgernde Erkenntnis des Blickes zurück. “Es geht weiter“, das sind die Schlüsselworte, die das Tor des Lebens offen halten oder für diejenigen öffnen, die weiterleben.

An schlechten Tagen geht es weiter - im Nachhinein lehren oder zeigen diese Tage uns manchmal etwas, beherbergen Lebensinformationen, die wir gerade nicht zu sehen imstande sind. Vielleicht bergen sie die Information in sich, dass wir auf Dauer über uns hinauswachsen können. Dass wir mehr an uns glauben oder verzeihen dürfen. Vielleicht bergen sie die Information in sich, dass wir das Leben an anderen Tagen anders führen wollen, etwas gänzlich anders betrachten oder entschlossen Entscheidungen treffen wollen.

Wie wäre es, wenn wir die guten Tage mit dem Gewicht leben, mit dem wir schlechte Tage durchleben?