Wenn wir das Geben um das Nehmen anreichern, können wir erst ganz bei uns sein.
Als Empathin, und zusätzlich eine, die sozialisiert wurde zu geben, war mir Nehmen ein Fremdwort. Als Kind habe ich nicht gesagt, was ich will und still gelitten. Oder ich habe mich zurückgehalten, wenn alle anderen bei Begehrenswertem zugeschlagen haben. Ich habe mich angestrengt und bemüht, während andere gemacht haben, worauf sie Lust hatten. Nur das Wohl der anderen zählte. Mit sozial deprivierten, emotional unreifen Eltern, einer unheilbar kranken Mutter und als Älteste von mehreren Geschwistern, hat man auch nicht die Freiheit zu nehmen. Mal abgesehen davon, dass gerade feinfühlige Kinder noch einmal mehr Begleitung bei der Validierung und Umsetzung ihrer Gefühle und Bedürfnisse bräuchten. Erst im Erwachsenenalter, nach Bewältigung von Meilensteinen, die die meisten erst im höheren Alter zu bewältigen haben, mit zunehmender Freiheit, mir selbst Raum zu nehmen und mein Leben selbst zu gestalten, durfte und darf ich fortwährend lernen, auch die Freiheit zu nehmen zu kosten. Im Zusammenspiel mit Geben ist Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Akt der Wertschätzung und Liebe - uns selbst gegenüber wie auch denjenigen gegenüber, von denen wir nehmen: Nehmen ist Lust, Lebendigkeit, Freude, Achtsamkeit, Wahrnehmen, Kennen, Vertrauen. Nehmen ist ein Kompliment. Wir sagen "ich vertraue mich dir an", "ich finde in dir", "du verstehst mich", "ich fühle mich dir verbunden", "ich will dich/von dir/mit dir". Wenn wir das Geben um das Nehmen anreichern, können wir erst ganz bei uns sein. Nehmen erfordert Einkehr, Besinnung auf uns selbst, was uns wichtig ist, was wir brauchen, was wir uns wünschen und begehren. Nehmen können bedeutet, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen - und das ist die Voraussetzung dafür, Verantwortung für andere zu übernehmen. Nehmen können setzt voraus, dass ich mich kenne und auch, dass ich mich ausprobiere. Nur wenn ich mir die Freiheit gebe, zu probieren, kann ich evaluieren. Nehmen ist ein Prozess des kontinuierlichen im-Kontakt-Seins, des Kennenlernens, Ausprobierens, Evaluierens. Wer nimmt, lebt - und hat noch mehr zu geben.