Als Kind dachte ich, dass die mich umgebenden Menschen das Leben, das sie führen, einfach schon immer führen. Dass sie damit geboren werden und niemals geändert haben. Z. B. Menschen mit bestimmten Fähigkeiten („die kann das einfach“), Menschen, die mit mehr Platz wohnen und solche mit wenig, die beliebt sind, und die nicht, die mit mehr Geld und weniger Geld. Menschen, die viel reden oder sich gut auskennen und solche, die nicht. Solche, die sich gewählt ausdrücken können oder gut integriert sind, und solche, die nicht. Ich dachte, das war und bleibt immer so. Ich dachte, dass es hiervon keine Ausnahmen gibt. Verstärkt wurde diese kindliche Sichtweise durch das Narrativ meiner Kindheit: „Man muss sich mit dem begnügen was man hat“. Denk nicht mal darüber nach, denn dies ist ein unumstößlicher Fakt. Menschen wurden durch die erwachsenen Bezugspersonen wertend kategorisiert. Interessanterweise in der Regel zu Gunsten der Anderen: „der ist Arzt, vor dem müssen wir Respekt haben, weil er ein hochwertigerer Mensch ist.“ „Der hat Ahnung, wir nicht.“ Auch die anderen Kinder waren „besser“, „klüger“, „schneller“, „belastbarer“ als ich. Vor meinem selbst gewünschten Schulwechsel auf ein musisches Gymnasium wurde ich von Lehrern wie Bezugspersonen gleichermaßen desillusioniert: „da gehen nur die wirklich Guten hin!“ (nicht du), „da gehen nur Kinder aus musikalischen Familien hin. Dort ist es hart, wir sollten lieber eine andere Schule wählen.“ Und so kam ich tatsächlich zunächst auf eine andere Schule, nur um 3 Jahre später auf Umwegen (aus anderem Grund) doch auf diese „renommierte“ Wunschschule zu kommen. Mein damaliger Klavierlehrer sah offenbar meinen Ehrgeiz und mein Können und sprach an dieser Schule persönlich vor. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte ironischerweise waren die Jahre auf dem Pestalozzi Gymnasium in München die besten Jahre meiner Jugend. Das Kurssystem der Kollegstufe entsprach mir und meiner Arbeitsweise sehr. Ich hatte sehr gute Noten und wurde als Pianistin für die Chöre und bei Veranstaltungen eingesetzt.
Insgesamt wurde ich zu großer Bescheidenheit, Demut bis hin zur Selbstabwertung erzogen. Heute ist mir klar, dass sich darin die eigenen Baustellen dieser Erwachsenen widerspiegelten. Dass die selbst erlebte Minderwertigkeit möglicherweise schon länger von Generation zu Generation unreflektiert weitergegeben wurde, wie es für transgenerationale Effekte typisch ist. Und dass Selbstherabsetzung auch ein Mechanismus sein kann, um den eigenen Selbstwert zu schützen, vor Gesichtsverlust und Versagen zu schützen und Erwartungen zu senken.
So verbrachte auch ich einen prägenden Teil meines Lebens in diesem Glauben. Einerseits hatte ich dadurch lange selbst globale negative Überzeugungen über mich, die mir viel Arbeit an mir selbst abrangen und - heute als Erwachsene mit mir damals mitfühlender Weise - dazu führten, dass ich mir einiges nicht zutraute und viele Chancen nicht ergriff. Andererseits erinnere ich mich seit jeher an die „andere Seele in meiner Brust“, an großen Zorn und Unwillen, diese „Fakten“ zu akzeptieren. Es entwickelte sich eine ungeheure Ausdauer, es mir selbst zu beweisen. Eigentlich auch meinen Eltern und Bezugspersonen zu beweisen, aber zu einer Wertschätzung dieser Menschen ist es nie gekommen. Ich bewies mir, dass ich mit Ausdauer als Mensch aus einem nicht akademischen Haushalt mit Migrationshintergrund, mit invalidierenden Elternstimmen, ohne Support, mit neurobiologischen Eigenheiten und mit Schicksalsschlägen wie dem Tod meiner Mutter in der 11. Klasse ein sehr gutes Abitur haben und Studiengänge mit NC sehr gut abschließen kann. Dass ich einen Beruf ergreifen kann, der dieser o.g. „Personengruppe“ statistisch gesehen nicht zugänglich ist. Dass ich mich selbständig machen und gutes Geld verdienen kann. Mit viel Ausdauer.
Heute muss ich mir selbst nichts mehr beweisen. Ich habe meinem inneren Kind in der Nachbeelterung vermittelt, dass es bedingungslos wertvoll und liebenswert ist. Auf den „Kämpfergeist“ und die Ausdauer kann ich heute vielmehr als freiwillige Kompetenz zurückgreifen. Z. B. beim Umgang mit körperlichen Einschränkungen oder beim Bau der Musikresidenz, auf die wir viel anstrengende Muskelhypothek aufnehmen und die angesichts unerwarteter Faktoren auf Baustelle und im Leben mehr Ausdauer erfordert als gewünscht, erwartet und geplant.
Und hier kommen wir zu dem Thema, auf das ich heute aufmerksam machen möchte und mit dem ich mich im Zusammenleben mit meinem Mann, dessen Lebensphilosophie sich darin widerspiegelt, begonnen habe, bewusster auseinanderzusetzen: die unterschätzte Ausdauer.
Ausdauer erschafft ungeahnte Möglichkeiten. Ausdauer kann das Unmögliche möglich machen. Ausdauer kann Gegebenheiten und Umstände überwinden. Ausdauer kann uns über uns selbst hinauswachsen lassen.
Uns ein anderes Leben beschaffen.
Ausdauer kann unser Leben in fast allen Aspekten verändern.
Wir sprechen über Genetik, über Talente, über Begabungen, über Prägungen, über Erziehungsstile. Wir verstärken bei Schülern und Kindern intuitiv tolle Ergebnisse. Aber was ist mit dem Weg dahin? Was ist mit den Zielen, den Träumen auf dem Weg - unsere größten Motivatoren?
Sprechen wir über Ausdauer? Lernen wir Ausdauer? Verstärken wir Ausdauer innerhalb gesunder Grenzen? Bringen wir den Kindern und uns bei, nicht nur unsere Limitationen und Grenzen gut zu kennen (wichtig!) und auf diese zu achten sondern auch einen realistischen Umgang mit Ausdauer und dem, was wir möglich machen können? Lassen wir sie träumen und Motivation finden? Helfen wir ihnen, Probleme konstruktiv zu lösen?
Mir - und so vielen PatientInnen in meiner Praxis - hätte es das Ausmaß von Selbstunsicherheit, Minderwertigkeitserleben und Zorn ersparen und zu einem gesunden Selbstwert und Selbstvertrauen verhelfen können.