Ich mache meine Arbeit mit Hirn und Herz. Während einer diagnostischen oder therapeutischen Sitzung ist mein Hirn ganz wach und aufmerksam. Die Verhaltensbeobachtung, die Registrierung von kleinen Veränderungen in der Mimik, von Atem, Stimme, Muskeltonus, Körperhaltung läuft kontinuierlich ab während das Gesagte aufgenommen und abgespeichert wird. Parallel werden von meinem Gehirn die erhaltenen Informationen mit dem diagnostischen Kriterienkatalog und der Sammlung therapeutischer Ansätze abgeglichen, in verschiedene Kontexte, wie zB die Biografie, andere Berichte derselben Person, Studien, Informationen aus Intervisionen, eingebettet, in Relationen gesetzt, Assoziationen aus allen Bereichen verarbeitet, Brücken geschlagen, Hypothesen gebildet, verschiedene Problemlösungen abgespult und abgewogen.

„Herz“seitig schwingt mein Nervenssystem mit, ich spüre die Symptome, die Stimmung, den Leidensdruck, das Lebensgefühl, Gegenübertragungsgefühle. Durch die Synchronisation kann ich die therapeutische Arbeitsbeziehung komplementär zu den wahrgenommenen Bedürfnissen des Patienten oder Klienten gestalten und möglichst stimmig reagieren. Mein Herz „sagt“ mir, welche Formulierungen, welche Stimmintensität, -klangfarbe, -lautstärke am besten geeignet sein könnten. Die Empathie macht die Begegnung echt und authentisch. Die empathische Begegnung ermöglicht, dass ich als Therapeutin spürbar bin und ist meines Erachtens die „magische“ Hauptzutat.

Eigene Gefühle werden durch Hirn und Herz wahrgenommen, eingeordnet, parallel intern reguliert, da sie im verhaltenstherapeutischen Geschehen bis auf spezielle Interventionen nicht wirken sollen. Manchmal mache ich mir innerlich Notizen, um mich darum später zu kümmern. Die eigene Selbsterfahrung ist auch immer Teil des Prozesses und ist zusätzlich unbedingt notwendiger Teil der Arbeit.

Geduld, Fürsorge, Durchhaltevermögen, Motivation, die richtige Balance zwischen Präsenz, Engagement und Übergabe von Eigenverantwortung im Sinne minimaler Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe, immer auch in Übereinstimmung mit berufsrechtlichen Bestimmungen, sind Zutaten die dazu kommen. Da wir ohne vorheriges biografisches „Briefing“ mit den verschiedensten Menschen, in verschiedensten Lebenslagen, aus verschiedensten Sozialisierungen, Kulturen, soziookönomischen Status zusammentreffen, sind hohe Flexibilität und ständige Anpassungsleistungen und Umstellungen erforderlich. Üblicherweise mit nur 5-10 Minuten Pause zwischen den Sitzungen. Die heiligen Minuten eines jeden Therapeuten, die sein Überleben und Funktionieren im Arbeitsalltag sichern.

Therapiearbeit ist körperliche Arbeit. Therapiearbeit ist Hirnarbeit, Empathie- und Beziehungsarbeit, Persönlichkeitsarbeit und Fleißarbeit in einem. Therapiearbeit kostet im Hinblick auf alle menschlichen Ressourcen Kraft. Begegnungen in Therapien sind echt: Wöchentliche Begegnungen mit mehreren Menschen derartiger Intensität berühren uns auch immer persönlich. Sie finden nicht in einem „Parallelleben“ statt sondern finden Eingang in uns als Menschen und in unsere Leben zwischen den Sitzungen, auch wenn wir in der Rolle als TherapeutIn auftreten und im berufsrechtlichen Rahmen agieren, d. h. der Abstinenzpflicht, der Schweigepflicht, dem Kontaktverbot u.a. gerecht werden. PatientInnen sind immer wieder überrascht, dass bei TherapeutInnen kein therapeutischer „Apparat“ existiert, der an- und ausgeschaltet werden oder „weggelassen“ werden kann. Es besteht die Fantasie, dass TherapeutInnen ihre Arbeit „halt gern“ machen und Ressourcen wie Empathie von Natur aus gegeben und unerschöpflich sind. Aber diesen Apparat gibt es nicht und diese natürliche unerschöpfliche Ressource gibt es auch nicht. Um diese Arbeit zu leisten bedarf es gründlicher Selbstfürsorge!