Beinhaltet Gedanken zum Todestag
Liebe Verlusttrauer,
seit 18 Jahren begleitest du mich nun. In immer anderen Farben und Tönen. In Wellen oder als still da liegender See. Mal reißend, mal im Hintergrund plätschernd. Aber immer da.
Wie könnte es auch anders sein, da die Zeit, die ein Mensch vermisst wird, nicht weniger sondern mehr wird? Die Zeit nimmt zu, ein ganzes Leben lang.
Wie gern würde ich dein Lachen wieder hören! Deine funkelnden Augen sehen! Deine fast transparente Haut berühren. Wie oft denke ich mir, dass ich gerne mal wieder ein Gespräch mit dir führen würde. Hören, wie sich dein Leben weiter entwickelt hätte. Welcher Mensch du in deinen 40-ern, 50-ern, 60-ern geworden wärest. Mit älteren Kindern, die zunehmend selbständig werden. Mit Raum für dich. Hören, was du über mein Leben denkst. Was du über deine Enkelkinder denkst. Und meinen Partner. Freuden teilen. Gemeinsam lachen. Einfach drauf los reden. Dir Musik zeigen. Ja, schon gar nicht traue ich es mich, mir vorzustellen, wie du hier wärst, das Haus in wohlriechende Essensdüfte tauchen und den Kindern laute, aufgeweckte Lacher entlocken würdest. Ja, schon gar nicht traue ich es mich, mir vorzustellen, wie es wäre, jemanden in dir zu haben, auf den ich zählen könnte. Der kurzerhand her kommen würde, wenn das Leben zu viele Herausforderungen auf einmal bereit hält. Weil das Dinge sind, die Mütter tun. Weil das Dinge sind, die die Mütter von Freunden, Bekannten, Patienten tun. Man kann auch diese Dinge „verlieren“. Das Tochtersein, auch in die Zukunft gerichtet. Es ist nicht ein einmaliger Verlust des bereits Geschehenen. Es ist ein fortlaufender Verlust von Neuem.
Warum ich dich Verlusttrauer nenne?
Weil du, Trauer, auch schon vorher da warst, in anderem Gewand. Als Vergänglichkeitstrauer nämlich. Mit ihr wurde ich geboren: mit dem starken Bewusstsein, dass das Leben endlich ist. Meine Mutter wusste, dass sie krank war und nicht lange zu leben hatte. Sie hat es uns nicht gesagt, bis wir es in den letzten Jahren aktiv mitbekommen haben. Aber ich habe es auch davor immer gespürt. Es war ein Leiden und Traurigsein, aber auch, intensiv zu leben, Dankbarsein und Auskosten.
Der Abschied kam dennoch plötzlich, unerwartet. Schlug ein wie ein Blitz. Und betäubte mich lange. Heute kann ich als Erwachsene verstehen, wie suboptimal (aus psychologischer und therapeutischer Sicht) alles gelaufen ist. Vorher, währenddessen und danach. Heute kann ich wütend sein auf meinen Vater, der nicht da war. Emotional nicht und kurz danach auch physisch nicht mehr. Der eine 17 Jährige verpflichtete, auf die Intensivstation zu gehen - völlig unvorbereitet auf den Anblick, der mich dort erwartete. Auf die Onkel und Tanten, die weg sahen. Auf die Lehrer, die mich nach einer Woche fragten, ob „es nun wieder ginge“. Ich kann mitfühlen mit meinem inneren Kind, mit dem Teenie und der jungen Erwachsenen, die ich wurde, die mit sich allein war, die nicht gehalten wurde. Erst heute bekomme ich das.
Verlust ist schmerzhaft. Der Schmerz im Moment des Verlusts gehört zur Trauer dazu. Es sind Erinnerungen, die im Körper abgespeichert sind.
Das Vermissen geht nun seit fast 2 Jahrzehnten - was für eine Zeitspanne für einen Menschen, der selbst erst 3,5 Jahrzehnte lebt. Und was für eine Zeitspanne, wenn man bedenkt, dass bei der heutigen Lebenserwartung noch einige weitere Jahrzehnte folgen. Jahrzehnte, in denen eine Beziehung zu einem verstorbenen Menschen geführt werden möchte. Man kann zu seiner eigenen Mutter nicht „keine“ Beziehung haben. Schließlich ist sie der Grund für die eigene Existenz. Wie führt man eine solche Beziehung? Wie lebt man ein ganzes Leben, ja den Großteil seines Lebens, mit einer toten Mutter? Hierbei gibt es einige Herausforderungen wie bspw. die Tatsache, dass die Repräsentation der Beziehung aus einer ganz anderen Zeit stammt. Sowohl zeitgeschichtlich als auch biografisch. Einerseits ist da also diese starke Verbindung. Andererseits kennen wir uns nicht: nicht als 20 und 45 Jährige, nicht als 30 und 55 Jährige, nicht als 40 und 65 Jährige etc.
Über das Leben mit Trauer, über lebenslange Beziehungen zu Toten aus einer anderen Zeit liest man wenig. In anderen Kulturen gibt es diesbezüglich viel offenere und bewusste Umgänge.
Grund genug, um sich diesem Thema in Zukunft noch mehr zu widmen.
Bis dahin, liebe Verlusttrauer, lernen wir uns immer wieder neu kennen. Wir versuchen uns zu arrangieren. Und das Beste daraus zu machen.