Die positive Wirkung von Aufenthalten am Wasser, von Wasserbildern oder Wassergeräuschen auf unser Wohlbefinden dürfte fast jeder schon erlebt haben.

Aber was hat es eigentlich damit auf sich? Ist das bloß ein subjektiver oder zufälliger Zusammenhang? Finden wir Wasser “einfach“ schön und entspannen uns dort, weil wir eben Urlaub oder einen schönen Abend dort verbracht haben?

Tatsächlich nicht: das Phänomen fußt auf vielschichtigen, messbaren, biologischen Mechanismen.

Meine Begeisterung über die Objektivierung und Entmystifizierung von Wirkungen und Zusammenhängen wie die des Wassers auf den Menschen möchte ich hier mit einer winzigen, mit Studien belegten, interdisziplinären Abhandlung teilen.


Die Meeresbrandung setzt Meerwasseraerosole (Sea Spray Aerosol) frei, die wir bei einem Aufenthalt am Meer einatmen (wobei die optimale Konzentration in unter 10m Entfernung zur Brandungszone liegt). Die angereicherte Luft enthält einen gesunden Cocktail aus Salzionen und Mikroorganismen, darunter Bakterien, Viren und Molekülen wie Aminosäuren und Vitaminen. Meeresbakterien können im Zusammenspiel miteinander z. B. Vitamin B12 produzieren, das unser Körper nicht selbst herstellen kann, welches aber für unsere Nervenzellen und unser Nervensystem lebensnotwendig ist. Die Salzpartikel in der Luft binden Flüssigkeit und können unserem Körper bei der Sekretolyse helfen, wenn wir in unmittelbarer Nähe zur Brandung spazieren und dabei langsam und tief einatmen.

ForscherInnen konnten nachweisen, dass Sea Spray Aerosol unser Immunsystem stärkt, indem zentrale Erkennungsproteine aktiviert und sogar Genexpressionen beeinflusst werden, welche in unserem Körper maßgeblich auf Entzündungs- und Stoffwechselprozesse, ja sogar bei der Entwicklung von Krebs wirken.

Durch den Lenard Effekt laden sich zerspritzende Wassertropfen auf. Die entstehenden negativ geladenen Ionen (NAI) scheinen hocheffiziente Feinstaub- und Ultrafeinstaubreiniger zu sein, da sie positiv geladene Schmutzteilchen aus der Luft binden und verklumpt gemeinsam zu Boden fallen. In verschiedenen Studien wurden NAI mit antioxidativen und entzündungshemmenden Wirkungen sowie erhöhter Energieproduktion und Serotoninspiegel im menschlichen Körper in Verbindung gebracht.

Wassergeräusche, Regen, Meeresrauschen, das sind Naturgeräusche, die unseren „Ruhenerv“, den Parasympathikus, und unser „Ruhezustandsnetzwerk“, aktivieren, welches uns „reizunabhängig“ denken lässt, wie etwa beim Tagträumen oder beim Nachdenken über Zukunft und Vergangenheit und beim Reflektieren über sich selbst und Andere.

Wasserklänge wirken anxiolytisch. Sie zählen zu akustischen Reizen, welche ASMR auslösen. Diese Reaktion wurde in einer Untersuchung wiederum mit niedrigerer Herzfrequenz und einer Veränderung der Hirnwellen in Verbindung gebracht.

Auch beim Ansehen von Wasser konnten in Studien körperliche Veränderungen gemessen werden: die Farbe blau scheint eine beruhigende Wirkung auf uns zu haben und der Anblick eines Pools mit Wasser für kaum 2 Minuten reicht aus, um bei Probanden den Blutdruck um fast 10 mm Hg zu senken.

Das Meer mit seinen Wellen ist, ebenso wie Regentropfen, die in eine Pfütze fallen, ein Beispiel für natürliche Fraktale, die sich überall in der Natur, bis in die kleinsten Elemente finden. Fraktale sind sog. selbstähnliche Formen, d.h. egal, wie weit man hineinzoomt, die Form bleibt gleich und kehrt immer wieder. Sie zu sehen tut uns Menschen gut: unser Puls senkt sich, wir entspannen uns.

Die komplexen Wirkungszusammenhänge eines Aufenthaltes am Wasser zu verstehen und in qualitativ hochwertigen Studien abzusichern ist eine herausfordernde Aufgabe für die einzelnen Fachbereiche und eine fachübergreifende Herausforderung. Die Objektivierung und Entmystifizierung der heilsamen Wirkung von Natur ist die Grundvoraussetzung für den Einsatz von Natur in unseren schulmedizinischen Behandlungen. Glücklicherweise hat die Forschung rund um Blue Health in den letzten Jahren schon an Fahrt aufgenommen. Eine wachsende Zahl an Studien belegt die gesundheitsförderlichen Wirkungen von Wasser auf unsere körperliche und seelische Gesundheit. In Schweden und Schottland werden nature prescriptions inklusive Blue Health Anwendungen bereits von Hausärzten verschrieben.

In Deutschland gibt es keine offizielle „Natur auf Rezept“. Natur findet keinen Eingang in unsere wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren und wird in den Ausbildungen zum Psychotherapeuten nicht mal erwähnt. Wie kann es sein, dass wir unseren natürlichen Lebensraum, in dem wir seit Anbeginn der Menschheit leben, dessen Teil wir sind und an den wir (evolutions-)biologisch angepasst sind, ausgerechnet beim Versuch des Heilens eben dieses Organismus aus den Augen verlieren? Ja vielmehr überrascht darüber sind, dass Natur “nicht nur esoterischer Hokuspokus“ ist, sondern uns heilt?!

Meines Erachtens verpflichtet das Wissen um die (evolutions-)biologische Beschaffenheit des menschlichen Organismus (beim Gehirn sprechen wir bspw. im Bezug auf den Hirnstamm auch von „stammesgeschichtlich früheren Teilen“, wie es in den Vorlesungen so schön heißt) und die Herkunft unserer Spezies und sowieso die bereits erfolgten wissenschaftlichen Nachweise jeden Mediziner, jeden Psychotherapeuten, die Bedeutung von natürlichen Umgebungen bei der Behandlung und Prävention von Erkrankungen zumindest anzuerkennen und mitzudenken.

Kann ich meinen Patienten bei der Abwägung von Urlaubszielen ermutigen? Vielleicht einzelne Therapiesitzungen nach draußen verlegen? Meine Praxiseinrichtung ergänzen? Entsprechende Therapieaufgaben vergeben, Anregungen zur Lebensraumgestaltung geben?