Was macht man, wenn man seiner bisherigen Intuition nicht mehr vertrauen möchte? Kann sich Intuition in eine andere Richtung verändern? Wie findet man eine neue Intuition? Was braucht es und wie lange braucht es, bis sich die neue Intuition stimmig und leicht anfühlt?
Ich stehe zwischen zwei Welten: da ist die „alte“ Welt, die „alte“ Intuition, die ich nie hinterfragt habe. Sie hat in zwischenmenschlichen Beziehungen "einfach" immer „funktioniert“. Sie hat mich Beziehungen aufbauen, Beziehungen pflegen, Konflikte durchleben und beilegen lassen. Sie hat Energien mobilisiert, mit denen ich um Menschen und für Menschen gekämpft habe. Und sie hat mir "gesagt", welches diese Menschen waren, für die ich diese Entscheidungen treffen sollte. Sie war mein unmittelbarer, verlässlicher, schneller Entscheidungs-Kompass. Das Leben war dahingehend eindeutig, klar, naheliegend, leicht. Die Definition von Intuition eben:
unmittelbares, schnelles Erkennen oder Urteilen ohne bewusstes Nachdenken oder logische Analyse. Sie wird oft als „Bauchgefühl“ erlebt, basiert jedoch auf unbewussten Erfahrungen, gespeicherten Informationen und der Erkennung von Mustern. Es ist ein funktionaler, oft hochgenauer Prozess des Gehirns, der Entscheidungen in Sekundenbruchteilen ermöglicht
Wenn ich heute auf die Vergangenheit blicke, sehe ich mich konfrontiert mit wiederkehrenden Erfahrungen von Einseitigkeit. Im Entgegenkommen, im Bemühen um Anpassung, Verständnis und Kontinuität, im Engagement, in der Einsatzfreude und im Enthusiasmus. Erschreckender- und irritierenderweise mündete genau dies dann zusätzlich auch noch wiederkehrend in eine Einseitigkeit im Stellen von absoluten Ansprüchen und Forderungen. Meine „Intuition“ hatte nicht „recht" (wobei natürlich auch gesagt sein muss, dass wir das Ziel unserer Intuition auch nicht reflektieren... aber sie hatte nicht für mich recht.) Während und obwohl mein Leben eine unaufhörliche Vermehrung an Herausforderungen bereithielt und ein Wachstumsschub den nächsten jagte, sodass ich oft an und über meine Grenzen kam, um hinterher zu kommen, wurden die Unterschiede in der Beziehungsgestaltung immer offensichtlicher. Ich begann klarer zu sehen und es anders zu versuchen. Diese Phase wurde abgelöst durch eine nächste, welche die traurige, bittere und schmerzhafte Erkenntnis mit sich brachte, dass meine Intuition einer ganz entscheidenden Komponente entbehrt hatte: eines Platzes für mich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich nach dem Tod meiner eigenen Mutter im Jugendalter, nach einer Trennung aus einer langjährigen Beziehung, nach einem Kontaktabbruch zu meinem Vater noch verlassener und einsamer hätte fühlen können. Vielleicht summieren sich derartige Erfahrungen emotional auf, in jedem Fall spielen natürlich Bahnung und Reaktivierung eine Rolle. Nichtsdestotrotz war es auch eine objektive Bestandsaufnahme der Gegenwart. Wie wollte ich weitermachen? Mich weiter durch die alte Intuition in einseitige Beziehungen stürzen? Sicherlich nicht.
Und hier liegt vor mir: die „neue" Welt. Hier bin ich als Mensch, der sich weiterentwickelt hat, der sich kennengelernt hat. Die sich ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse gewahr geworden ist. Die durch Lebenserfahrungen geprägt und geformt wurde. Hier liegen meine neuen, angepassten Werte vor mir. Ich möchte mir selbst einen Platz in Beziehungen geben. Und da ist das "neue" Leben, mit ungeahnten und gnadenlosen neuen Herausforderungen. Es ist Zeit für eine neue Intuition, die diesen Aspekten gerecht wird.
Nein, Intuition ist nicht automatisch richtig. Intuition muss von Zeit zu Zeit überdacht, evaluiert und korrigiert werden. Mal sehen, wie lange es braucht bis ich von einer "neuen Intuition" sprechen werde. Denn bis dahin wird es weiterhin sehr viel aktive Entscheidungen und Handlungen brauchen. Und bis dahin muss ich es wohl zwischen den Welten aushalten und es mir dort einrichten.